Stadtnatur - wozu?

Mit so viel Natur in der Stadt stellt sich bei manchen die Frage: Wozu brauchen wir sie überhaupt? Zwei gegensätzliche Standpunkte, die das Spannungsfeld von Natur und Stadt recht gut beleuchten, sind dabei immer wieder zu hören: Auf der einen Seite die häufig vertretene Meinung: Die Natur mit ihren Tieren und Pflanzen ist ja recht und schön, aber Städte sind für Menschen da! Die Natur gehört in die freie Landschaft! Auf der anderen Seite gibt es die Gefühle vieler Stadtbewohner, die mit Tieren und Pflanzen in Beziehung treten und heftige Kritik üben, wenn Bäume umgeschnitten oder Grünflächen verbaut werden. Für diese Menschen ist Stadtnatur ein wichtiger Faktor des Wohlbefindens und der täglichen Erholung.

Natur in der Stadt bringt Abwechslung in die asphaltierte, betonbeherrschte Umwelt, Veränderung in das Einerlei von Asphalt, Beton, Blech und Glas, von Cotoneaster, Blaufichten und Teppichrasen. Vielfältige Stadtnatur bereichert und belebt die Sinne: Gerüche, Geräusche, Geschmäcker, die Jahreszeiten ... Natur bleibt erlebbar, das eigene Wohnumfeld unverwechselbar.

Neben einer menschengerechten Architektur und einer humanen Stadtplanung, bei der der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt steht, trägt auch Natur in der Stadt wesentlich dazu bei, dass das Wohlbefinden im Wohn- und Lebensalltag einkehren kann. Dies ist - unter anderem - auch ein Garant dafür, dass sich der Mensch zu Hause fühlen kann, dass sich das Gefühl des Geborgenseins aufbaut. Und dort, wo man sich wohl fühlt, sich identifiziert mit dem Wohnumfeld, kann Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl und Bereitschaft zu umwelt- und sozialgerechtem Verhalten entstehen. Und außerdem: Die Flucht „hinaus aufs Land“ wird überflüssig; Tausende Autofahrten bleiben eingespart - auch ein Aspekt der Nachhaltigkeit!

Als Indiz für bestimmte Umweltzustände (z. B. Nährstoffhaushalt im Boden, Luftschadstoffe, Veränderungen im Wasserhaushalt), lässt das Vorhandensein oder Fehlen einer Tier- oder Pflanzenart auf bestimmte Störungen schließen. Denn jede (Tier)Art hat ihre spezielle Funktion im Naturhaushalt. Artenreiche Ökosysteme sind meist auch stabile Systeme, da sie flexibel auf Veränderungen reagieren können.

Eine abwechslungsreiche Stadtnatur sichert das genetische Reservoir: Dies ist wichtig für evolutive Anpassungen bzw. die Züchtung neuer Sorten. Gerade die besonderen Verhältnisse, denen die städtischen Besiedler der Tier- und Pflanzenwelt ausgesetzt sind, können zur Ausbildung eigener genetischer Rassen führen.

Die Erhaltung der kulturhistorischen Vielfalt ist ein weiterer wichtiger Aspekt: Alte Parkanlagen, Dorfkerne, Mühlbäche, Kulturlandschaften zeugen von der geschichtlichen Entwicklung und tragen zur Identität der Stadtteile bei. Nicht vernachlassigen darf man die ästhetischen Funktionen einer Stadtnatur: Die Vielfalt der Farben, Formen, Geräusche und Gerüche ist für die Naherholung und den täglichen Naturkontakt von großer Bedeutung. Vor allem für Kinder und ältere Menschen oder solche, die weniger mobil sind, trägt Natur in der Stadt für das Wohlbefinden im Wohnumfeld wesentlich bei.

Stadtökologie