Wie natürlich sind die Städte?

Gehen wir zuerst der Frage nach, ob es denn eine typische Stadtfauna gibt, so wie es charakteristische Wald- oder Wasser-Lebensgemeinschaften gibt. Hier spielt die ursprüngliche Herkunft der Lebewesen eine wichtige Rolle. Selbst die ältesten Städte sind ja „Eintagsfliegen“ im Vergleich zur Entwicklungsgeschichte natürlicher Lebensräume. Selbst wenn man nicht das Alter einer Stadt berücksichtigt, das ja einige hundert Jahre selten übersteigt, sondern das Alter menschlicher Siedlungen überhaupt in Rechnung stellt, kommt man allenfalls auf fünf- bis zehntausend Jahre. Das ist nach dem Maßstab der Entwicklung natürlicher Lebensgemeinschaften immer noch sehr kurz.

Tier- und Pflanzenwelt

Die Tier- und Pflanzenwelt, die sich in der Stadt heimisch gemacht hat, reagiert auf die unterschiedlichen Umweltbedingungen. Wir wissen heute, dass Städte eine zum Teil stark geänderte Artengarnitur aufweisen und das nicht in der Weise, wie man vielleicht annehmen würde, durch das Auspflanzen von Exoten und gärtnerischen Züchtungen in den Grünanlagen. Auch die übrigen Stadtbewohner, die im Gefolge des Menschen zugezogen sind, die Wildtiere und Wildpflanzen, zeigen deutliche Differenzen. Es hat sich eine spezielle Stadtfauna und -flora entwickelt, charakteristische Vergesellschaftungen, die die jeweiligen Nutzungs- und Bebauungsverhältnisse exakt widerspiegeln.

Auffallend sind die Tiere, die menschliche Siedlungen mit ihren Häuserschluchten, Simsen, Kanten und Vorsprüngen als „Felsenlandschaften“ betrachten. Bei einer ganzen Reihe von Arten ist ihre Herkunft als Felsentiere offensichtlich - sei es, dass sie heute noch an Felsen und Gebäuden vorkommen, sei es, dass frühere oder anderweitige Felsvorkommen bekannt sind. Zu diesen Felsentieren gehören etwa der Steinmarder, verschiedene Fledermausarten, Schleiereule, Haustaube und Turmfalke, Dohle, Mauersegler und Hausrotschwanz, Mehlschwalbe und Bachstelze, auch die Wechselkröte und Eidechsenarten in wärmeren Gegenden. Während die Felsbewohner der Stadt - zu denen auch einige Pflanzen zählen - sehr spezielle Lebensansprüche haben können, zeichnet sich die große Gruppe der Allerweltstiere und -pflanzen oft gerade durch große individuelle Anpassungsfähigkeit an alle möglichen Bedingungen aus. Hausmäuse etwa können sowohl auf heißen, trockenen Dachböden, als auch in Kühlhäusern leben. Eine Untersuchung über die Linzer Kleinsäugerfauna zeigt jedoch, dass interessanterweise die häufigste Maus in Linz nicht die Hausmaus sondern die Waldmaus ist, die noch ein wenig anpassungsfähiger sein dürfte Haussperlinge brüten zwar am liebsten unter Dachziegeln, nehmen aber auch mit den unwahrscheinlichsten anderen Plätzen vorlieb: mit Ventilatoren, Neonlampen und sogar Bäumen - von denen sie möglicherweise herkommen.

Es gibt Arten, die sich an menschlich geprägte Lebensräume  zwar nicht ausschließlich, aber doch in starkem Ausmaß angepasst haben: Haubenlerche, Hausrotschwanz, Bachstelze, Haussperling sind Beispiele dafür. 

Bei den Pflanzen gibt es auch typische Städter: insbesondere auf Brachflächen finden sich Arten, die fast nur im dicht besiedelten Bereich auftreten: zum Beispiel Mäusegerste, Gelber Lerchensporn und Bruchkraut sind anzuführen.

Städte sind häufig auch Ausbreitungspunkt für Arten, die in jüngerer Zeit zugewandert sind, so genannte „Neophyten“. Ihr Anteil ist in Städten also relativ hoch. Als beliebte Ankunftsorte, von wo sich diese Arten dann ausbreiten, sind vor allem Gewerbegebiete, Warenumschlagplätze und Gleisanlagen zu nennen. Typische Vertreter sind zum Beispiel Goldrute, Kanadisches Berufkraut oder Sommerflieder.

Außerdem gibt es noch Arten, die ihren Schwerpunkt zwar in der Natur- oder Kulturlandschaft haben, passende städtische Lebensräume - sofern vorhanden - jedoch auch nicht verschmähen: in der Tierwelt fallen Kleiber, Waldohreule und Mehlschwalbe genauso darunter, wie Eichhörnchen, Zauneidechse oder Wechselkröte. Bei den Pflanzen sind  Buschwindröschen, Wiesenschaumkraut oder Sumpf-Dotterblume prominente Beispiele.

Es ist erstaunlich, aber wahr: in manchen Stadtgärten singen mehr Vogelarten als im schönsten und ruhigsten Dorfgarten. Das liegt einfach daran, dass dort auf kleinem Raum die verschiedensten Biotope aufeinandertreffen: der baumbestandene Park als Wald und Wiese, der Garten als Buschland, die Türme und Mauern als Felsen, dazu noch verschiedene Gewässertypen. Das Vorkommen vieler Arten ist immer ein Zeichen für entsprechend vielfältige Lebensräume.

Stadtökologie