Wie unterschiedlich sind Stadt und Land?

Betrachten wir das Leben in der Stadt zunächst einmal quantitativ. Ökologen haben zu diesem Zweck den Begriff Biomasse geprägt. Unter Biomasse versteht man das Gewicht aller Pflanzen oder Tiere auf einer bestimmten Fläche zu einem bestimmten Zeitpunkt. Diese Masse kann als Frischgewicht oder Trockengewicht angegeben werden. Wenn man auch noch die über ein Jahr gewachsene (produzierte) Biomasse errechnet, so hat man einen ökologisch und oft auch ökonomisch interessanten Maßstab für die Produktivität eines Ökosystems.

Für Brüssel wurden entsprechende Berechnungen angestellt. Danach beträgt die pflanzliche Biomasse der Stadt, einschließlich der 66.000 Straßenbäume rund 1,5 Millionen Tonnen (Frischgewicht). Anders als in Ökosystemen lebt aber von dieser Pflanzenmasse nur eine geringe Tiermasse. Das liegt unter anderem daran, dass das Laub der Straßenbäume nicht im Boden zersetzt, sondern abtransportiert wird. So nimmt es nicht wunder, dass auf der Seite der „Konsumenten“ - wie der Ökologe alle von lebendiger Nahrung lebenden Tiere bezeichnet - die knapp über eine Million Einwohner von Brüssel die größte „Biomasse“ stellen: 59.000 Tonnen. Dazu kommen Hunde (1000 Tonnen) und Katzen (750 Tonnen). Diese Biomasse ist abhängig von hoher Zufuhr von Energie in Form von Brennstoffen und Nahrungsmitteln von außerhalb der Stadt. Trotz der unnatürlichen Verhältnisse gibt es aber auch in der Stadt das immer unterschätzte, für Stoffkreisläufe aber äußerst wichtige Bodenleben. Allein die Regenwürmer werden vorsichtig auf eine Million Exemplare pro Hektar (= 1 Tonne) geschätzt. Insgesamt hat man die Biomasse Brüsseler Regenwürmer auf 8000 Tonnen berechnet. Sie stehen damit nach dem Menschen an zweiter Stelle!

Gegenüber natürlichen oder halbnatürlichen Ökosystemen unterscheidet sich das städtische Ökosystem vor allem durch seinen hohen Input an zusätzlicher Energie in Form von fossilen Energieträgern bzw. Stoffen von außen: Wasser, Baumaterialien, Nahrungsmittel, Gebrauchsartikel, Strom, Gas ... Das führt zu einem entsprechend hohen Maß an „Abfällen“: Abwärme heizt das Stadtklima auf, Abfälle und Abwässer müssen entsorgt werden. Die technische Infrastruktur für die Ver- und Entsorgung ist demnach entsprechend aufwändig.

Der Wasserhaushalt ist in Städten im Vergleich zum Umland massiv verändert. Aufgrund der großen Flächenversiegelung infolge Bebauung und Asphaltierung können die Niederschläge kaum noch in den Boden dringen. Durch die Kanalisation läuft ein großer Teil des Regenwassers in die Kläranlage, die oft Mühe hat, das viele anfallende Wasser zu bewältigen. Ungeklärtes Mischwasser fließt dann immer wieder in Oberflächengewässer, wodurch es zu massiven Abwasserbelastungen kommt. Der Grundwasserspiegel liegt deshalb in Städten meist tiefer als außerhalb.

Auch die Böden sind verändert. Wenn sie nicht überhaupt bebaut, gepflastert oder versiegelt sind, handelt es sich vielfach um anderweitig stark veränderte Böden, wie Aufschüttungen und Überdeckungen, denen das typische Bodenprofil fehlt.

Stadtökologie